Mädchenpensionat

Von 1948 bis 1971 diente das Haus Stoffel als Mädchenpensionat unter dem Namen Belri. Mehr dazu ist im Kapitel ›Das Haus Stoffel‹ auf dieser Website nachzulesen. Auf Initiative der ehemaligen Belri-Schülerin Lorraine Wooley, einer gebürtigen Londonerin, fand im September 2018 eine Klassenzusammenkunft des Jahrgangs 1967/1968 statt.

Lorraine Wolley

 

Lorraine konnte 12 ihrer ehemaligen Mitschülerinnen dazu motivieren, noch einmal nach Arosa zu reisen. Die meisten der heute um die 70 Jahre alten Damen hatten sich seit jener Zeit vor 50 Jahren nicht mehr gesehen. Aus Deutschland, England, den USA, ja sogar aus Südamerika reisten die Frauen an und tauschten über 4 Tage hinweg ihre Erinnerungen an die Belri-Zeit und die Geschichten ihrer Leben intensiv und ausführlich aus. Barbara Lienhard hat die Damen getroffen.

Die Belri-Girls

von Barbara Lienhard
 

Von 1949 an reisten junge Frauen aus der ganzen Welt nach Arosa, um im Mädchenpensionat Belri unter der strengen Aufsicht von Miss Hunter und Fräulein Leonhard den letzten gesellschaftlichen Schliff zu erhalten. Sie wurden in Französisch, Englisch und Schreibmaschine geschult, in Etikette und Kultur gebildet und als zukünftige Hausfrauen darin unterrichtet, wie man kocht und Betten macht.

Aus den USA, Südamerika und aus Europa stammten die 35 Teenager, die im September 1968 im Bergdorf zuhinterst im Schanfigg ankamen. Sie hatten kein Auge für das atemberaubende Bergpanorama oder den fast unwirklich blauen Herbsthimmel, der sie auf 1800 Metern erwartete. Für die meisten von ihnen war das Belri zu Beginn ein ungeliebtes Exil, in das sie von ihren Familien verbannt worden waren.

“Meine Eltern mochten meinen Freund nicht und sie versuchten, unsere Beziehung durch meinen Auslandaufenthalt auseinander zu bringen”, erinnert sich die Amerikanerin Laura lachend. Sie und zwölf weitere ehemalige “Belri-Girls”, haben sich in der Stüva, die früher das Esszimmer des Pensionats war, versammelt. Es wird viel gelacht. Die Frauen tauschen Anekdoten und Geschichten aus, erwecken die gemeinsam verbrachte Zeit noch einmal zum Leben und erzählen, wie aus den schüchternen Teenagern schon bald eine eingeschworene Truppe wurde.

Die Tage im Mädchenpensionat begannen mit einem Gong, immer morgens um 7.15 Uhr, von Miss Hunter geschlagen. Es folgte ein straff getaktetes Programm aus Unterricht, Lernzeit, Haushaltdienst und sportlichen Aktivitäten, bis das Licht abends pünktlich um 22.15 wieder gelöscht werden musste. Lydia Leonhard, von allen nur Miss Leonhard genannt, war die Besitzerin und Leiterin des Belri. Für den Unterricht war Livina Hunter verantwortlich . Obwohl die beiden “Misses” das Pensionat sehr streng führten und die Schülerinnen auch noch von einem deutschen Schäferhund bewacht wurden, fanden sie schnell Schlupflöcher und taten, was junge Frauen tun wollen: Spass haben, Flirten, Tanzen - und Rauchen, was natürlich strengstens verboten war. “Fast alle rauchten, es waren die 60er Jahre”, erinnert sich Tina. Also traf man sich zum heimlichen Qualmen auf einem der Balkone. Was in dem Chalet mehr als einmal zu brenzligen Situationen und panischen Löschaktionen führte, weil die jungen Frauen ihre brennenden Zigaretten zwischen die Balken fallen liessen, um nicht erwischt zu werden. Ertappte “Miss Leonhard” dennoch eine der Schülerinnen, brummte sie ihr zwei Wochen Hausarrest auf. Was bedeutete, dass sie am Nachmittag keine freie Zeit zur Verfügung hatte. Wobei Miss Hunters Interpretation von Freizeit nicht viel mit Freiheit zu tun hatte. Denn jeden Tag teilte sie ihre Schülerinnen in Gruppen auf und bestimmte, welche was unternehmen durfte: Einen Spaziergang ins Dorf, Tennis spielen oder im Winter Skifahren.

Skifahren war unter den jungen Frauen besonders beliebt, denn der Skilift erwies sich für kurze Flirts als äusserst geeignet: “Wir stellten uns immer so geschickt in die Reihe, dass wir den Bügel mit einem männlichen Skifahrer teilen konnten”, erzählt die Engländerin Lorraine. Auch für einen schnellen Kuss mit einem der einheimischen Bergbahnen-Mitarbeiter ergaben sich immer wieder Gelegenheiten. Hauptsache, alle Schülerinnen waren um 16.30 Uhr wieder zurück im Pensionat – pünktlich zur Tea-Time. Denn diese britische Tradition hielt die schottische Miss Hunter auch in den Schweizer Bergen für unverzichtbar.

Da Kochen und Backen in den 60er Jahren zu den Fähigkeiten gehörten, die eine junge Dame mitbringen musste, um eine gute Partie zu finden, wurden die “Belri-Girls” auch in der Küche geschult. “Wir lernten beispielsweise, eine Swiss-Roll zu backen”, erinnert sich die Engländerin Tina, ”zum Rollen des Biskuit-Gebäcks durften wir ausschliesslich die englische Tageszeitung Times benutzen, da ihre Druckerschwärze nie auf den Kuchen überging.”

Ab und zu war ein Kinobesuch im Dorf erlaubt - vorausgesetzt, der Film überstand Miss Hunters Zensur und wurde auf Französisch, der Unterrichtssprache des Belri, gezeigt. Die Schülerinnen nutzten die Dunkelheit des Kinos gerne, um sich heimlich in das untere Stockwerk zu schleichen, wo sich das Dancing des Kursaals befand. Und beim Tanzen zur Musik der Beatles oder der Sauterelles rutschten ihre Miniröcke gefährlich in Richtung der Hüften. Dabei war im Pensionat der Abstand von Knie und Rocksaum von der Lehrerin noch mit einem Massstab überprüft worden. Dumm war nur, wenn ein Angestellter des Fotogeschäfts Homberger im Dancing war. Denn die aufgenommen Bilder hängten am nächsten Tag jeweils im Schaufenster des Ladens, an dem die beiden “Misses” auf ihren Hundespaziergängen vorbeikamen. “Dann gab es richtig Ärger”, erzählt Jenny, “beide konnten sehr diktatorisch sein. Wir hatten dennoch unseren Spass.”